Von Yueran Zhang, Rongjin Sun & H. L.
Hier teilen wir unsere Erfahrungen mit den kulturellen Unterschieden zwischen China und Deutschland. Während eine von uns erst seit sechs Monaten in Deutschland lebt und noch viele Dinge neu sind, lebt die andere schon seit mehreren Jahren hier und hat die Unterschiede auf eine tiefere Weise erlebt. In dieser Zeit sind uns jedoch viele kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und China aufgefallen – einige sofort, andere erst nach und nach. In diesem Blog möchten wir einige davon beleuchten: vom Umweltschutz über die Arbeitswelt bis hin zu sozialen Verbindungen.
Umweltschutz: Kleine Schritte mit großer Wirkung im Alltag
Heutzutage mit den zunehmenden globalen Umweltproblemen legen die Menschen immer mehr Wert auf den Umweltschutz. Obwohl es in China auch eigene entsprechende Maßnahmen zum Umweltschutz gibt, habe ich festgestellt, dass es in Deutschland viele unterschiedliche Umweltschutzgewohnheiten gibt.
Das Pfandsystem:Gut für die Umwelt – und für deinen Geldbeutel!
Zuerst finde ich das Pfandsystem besonders neu und anders, weil man in Deutschland bestimmte Plastikflaschen oder Dosen in die Pfandautomaten der Supermärkte zurückgeben kann und dafür ein Pfand von 0,25 EUR zurückbekommt. Dieser wirtschaftliche Impuls motiviert die Menschen, sich bewusster am Recycling zu beteiligen und zu vermeiden, dass leere Flaschen unkontrolliert weggeworfen werden. Dadurch kann die Umweltverschmutzung deutlich reduziert werden. Für mich ist es ein großes Erfolgserlebnis, wenn ich mit meinen Mitbewohnern eine große Tüte leerer Flaschen in den Supermarkt trage und wir eine große Rückzahlung erhalten.

In China gibt es kein solches Pfandsystem. Ich denke, das liegt daran, dass die Bevölkerungszahl sehr groß ist, was eine Einführung und Verwaltung eines solchen Pfandsystems erschweren würde und es könnte zusätzliche Kosten entstehen. Allerdings gibt es in China auch marktorientierte Abfallrecyclingsysteme. Seit 2019 setzt die Regierung verstärkt auf die strikte Umsetzung der Mülltrennung, was erheblich zum Umweltschutz beiträgt.

Einkauftasche: Der ständige Begleiter
Die Tragetaschen in deutschen Supermärkten haben mich auch beeindruckt. Als ich in Deutschland ankam, musste ich zunächst das Nötigste einkaufen. Beim ersten Mal war ich noch unerfahren und kaufte an der Kasse eine Tragetasche. Dabei ist mir aufgefallen, dass jeder eine Tragetasche in der Hand hat. Die Tasche sieht so aus, als wäre sie schon oft benutzt worden. Ich finde dieses unbewusste Verhalten interessant und begann ebenfalls, meine eigene Einkaufstasche mitzunehmen. Schließlich kostet eine Tasche nur etwa 1,50 €, bietet ein großes Volumen und kann immer wieder verwendet werden.
In China ist diese Gewohnheit noch nicht so verbreitet. Große Supermärkte verkaufen zwar wiederverwendbare Tragetaschen, aber die meisten Menschen verwenden immer noch Einweg-Plastiktüten. Jedoch hat diese Situation sich einigermaßen verändert. Seit Mai 2020 hat Peking begonnen, Plastiktüten in Einkaufszentren und Supermärkten nicht mehr kostenlos abzugeben. Diese Maßnahme wurde von den Kunden unterstützt. Stattdessen gibt es nun kostenpflichtige umweltfreundliche Alternativen wie biologisch abbaubare Plastiktüten oder Papiertüten.

Am besten ist es natürlich, wenn man seine eigene Einkaufstasche mitbringt. Ich habe mir das inzwischen angewöhnt. In China habe ich oft einfach eine neue Plastiktüte gekauft. Doch in Deutschland habe ich mir angewöhnt, meine eigene Stofftasche mitzunehmen. Diese gute Gewohnheit werde ich beibehalten, auch wenn ich nach China zurückkehre.
Arbeitskultur: Work-Life-Balance – nicht nur ein leeres Versprechen
Neben dem Umweltschutz gibt es auch Unterschiede in der Arbeitskultur zwischen Deutschland und China. Dieses Thema lässt sich nicht in ein paar Sätzen erklären und als Studentin kann ich nicht richtig objektiv sein und behaupte nicht, dass alles richtig ist, was ich behaupte. Aber ich möchte trotzdem meine Beobachtungen teilen.
Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich schon gehört, dass die Deutschen viel Wert auf die Trennung von Arbeit und Privatleben legen – und das stimmt wirklich. Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten mit meinem Bankkonto und meiner Versicherung. Doch als ich versuchte, alles so schnell wie möglich zu regeln, stellte ich fest, dass viele Stellen am Wochenende einfach geschlossen waren. Zuerst fand ich das unpraktisch. Doch dann erkannte ich, dass dies mit der Arbeitskultur zusammenhängt. Deutschland legt großen Wert auf eine geregelte Work-Life-Balance. Aus dieser Perspektive ist es verständlich, dass Arbeitnehmer ihre Wochenenden genießen können.
In China sind Banken auch am Wochenende geöffnet, jedoch mit einigen Einschränkungen und verkürzten Öffnungszeiten. Das ist für die Kunden praktisch, da viele Menschen unter der Woche arbeiten und sonst ihre Arbeitszeit unterbrechen müssten, um Sachen zu erledigen und dies könnte ihr Einkommen beeinflussen. Darüber hinaus machen Geschäfte, Restaurants und Freizeiteinrichtungen am Wochenende ihre besten Umsätze – ein Gegensatz zu Deutschland, wo viele Geschäfte sonntags geschlossen sind.
Lieferservice zur Dienstleistung: Pünktlichkeit und Kundenzufriedenheit – wer macht es besser?
Darüber hinaus ist mir aufgefallen, dass die Lieferservice in Deutschland und China ganz unterschiedlich sind. Einmal wurde meine Lieferung in Deutschland um einen Tag verzögert. Am nächsten Tag stand jedoch in der App, dass mein Paket wegen Personalmangels in einer drei Kilometer entfernten Paketstation hinterlegt wurde. Ich musste den schweren Karton den ganzen Weg nach Hause tragen. In China hingegen werden Pakete entweder direkt an die Haustür geliefert oder an eine nahegelegene Abholstation gebracht, die oft viel bequemer erreichbar ist. Wegen meiner Erfahrung in Deutschland mache ich mir beim Online-Shopping immer ein bisschen Sorgen, ob etwas schiefgeht.
Ich habe das Gefühl, dass die Einstellung zur Dienstleistung unterschiedlich ist. In Deutschland möchten die Angestellten ihre Aufgaben einfach erledigen, anstatt sich um die Kunden und deren Bedürfnisse zu kümmern. Ein gutes Beispiel dafür sind die Paketzusteller: Solange das Paket pünktlich und unbeschädigt ankommt, gilt ihre Arbeit als erledigt – ob es für den Empfänger praktisch ist oder nicht, spielt dabei keine große Rolle. Viele deutsche Studierende haben die Erfahrung gemacht, dass Paketzusteller angeben, niemand sei zu Hause, obwohl tatsächlich jemand da war. In China hingegen achten Paketzusteller viel mehr darauf, dass die Kunden zufrieden sind. Wenn der Kunde wegen eines Fehlers des Paketzustellers Probleme bei der Abholung hat, kann das zu einer schlechten Bewertung oder sogar einer Beschwerde führen.
Ein möglicher Grund für diesen Unterschied liegt in der großen Bevölkerung Chinas und dem hohen Konkurrenzdruck im Berufsleben. Bessere Dienstleistungen verschaffen einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, da Kunden diese bevorzugen. In Deutschland hingegen herrscht in vielen Branchen ein erheblicher Personalmangel, sodass die Servicequalität nicht immer oberste Priorität hat. Zudem spiegelt dieser Unterschied die in China verbreitete „Kunde ist König“-Mentalität wider, während in Deutschland das Verhältnis zwischen Kunden und Mitarbeitern eher von Gleichberechtigung geprägt ist. Dahinter stehen auch kulturelle Unterschiede, wie der stärkere Kollektivismus in China und der Individualismus in Deutschland.
Vom passiven Zuhören zum aktiven Mitdenken: Mein Lernweg zwischen zwei Kulturen
Was mich auch beeindruckt hat, ist die Unterrichtsform. Bei uns sind die Lernmethoden rezeptiv geprägt. Obwohl wir auch Seminare haben, nehmen die Dozenten meistens die Rolle des Sprechers ein. Sie präsentieren und erklären viel zum Thema. Manchmal werden auch Diskussionen durchgeführt, aber die Studierenden trauen sich nicht sich zu melden. Die Diskussionen sind schwierig und es entsteht kein kommunikatives Wechselspiel. Das heißt, dass die Studierenden nicht durch Argumentationen, sondern durch Zuhören und Lesen lernen.
Das rezeptive Lernen reflektiert den Perfektionismus bei uns, da die Leistungsnachweise sowie Noten, Studium, Abschlüsse, Ranking von Unis eine große Rolle spielen. Wenn man auf unseren Bildungsweg zurückblickt, haben wir viele Gemeinsamkeiten bei den Schulerinnerungen. Jeder hat strenge Lehrer oder Eltern gehabt, die hohe Erwartung an unsere Ausbildung stellten. Die Schulleistung ist häufig auch ein Gespräch bei Familientreffen. Darüber hinaus haben wir auch sehr lange Schule. Wir müssen schon um 7:30 Uhr in der Schule sein und wir dürfen erst um 21:00 Uhr nach Hause. Obwohl die Regelschulzeit um 17:00 endet, wird von uns trotzdem gefordert, weiter in der Schule zu bleiben. Unsere Gesellschaft hat die Einstellung, dass je mehr man lernt, desto mehr Punkte erwirbt man bei der Prüfung. Mit guten Noten kann man eine gute Universität besuchen und dadurch hat man mehrere Möglichkeiten, in einer guten Firma zu arbeiten.
Dieses Phänomen der „Streber-Gesellschaft“ hat einen Einfluss darauf, dass die Studierenden Angst vor Fehlern haben. Obwohl man auch von solchen Lernmethoden profitieren kann, verliere ich jedoch persönlich dadurch den Spaß beim Lernen. Anhand meiner Erfahrungen mit Seminaren in Deutschland habe ich bemerkt, dass Motivation wichtig für das Lernen ist. Im Vergleich zum rezeptiven Lernen, haben die deutschen Studierenden Mut, alle möglichen Fragen zu stellen. Sie probieren, wissenschaftliche Texte mit eigenen Wörtern zu formulieren und versuchen, im Unterricht an Diskussionen teilzunehmen. Dadurch lernen sie kritisches Denken, wie sie eigene Argumentationen und Kenntnisse entwickeln. Ich finde, dass die Lernatmosphäre in Deutschland großen Wert auf Erfahrung legt. Indem man eigenes Lerninteresse erkennt, lernt man viel aktiver und man hat auch mehr Bereitschaft dafür, von Fehlern zu lernen und die Lernvorhaben mit eigener konkreter Planung umzusetzen. Dadurch werden die Lernprozesse auch nachhaltiger.
Am Anfang in Deutschland waren Seminare große Herausforderungen für mich. Insbesondere machte ich mir viele Gedanken darüber, wie ich mich in der interaktiven Lernatmosphäre integrieren kann oder wie ich mich im Unterricht verhalten sollte. Ich habe mir auch viel Zeit dafür genommen, meine Lernziele anzupassen. Zum Beispiel muss ich die Texte nicht komplett durchlesen und verstehen, aber ich kann zumindest versuchen, eine Frage zum Thema im Unterricht zu stellen. Diese Veränderung bei dem Umgang mit den schwierigen wissenschaftlichen Texten hat mir sehr geholfen. Ich habe jetzt weniger Angst davor, die Kurse zu besuchen und ich versuche, an Seminaren aktiv teilzunehmen. Dadurch erkenne ich auch meine Lernfortschritte, die mich überzeugt haben, das Studium nicht abzubrechen und ich versuche es, es durchzuziehen. Diese Lernerfahrung ist mir persönlich sehr wichtig und hat meine Einstellung auch geändert. Ich denke, dass ich mit dieser Erfahrung auch in anderen Bereichen selbstbewusster agieren kann.
Soziale Kontakte
Ein anderer kultureller Unterschied, den ich bemerkt habe, ist die Form der sozialen Kontakte. Ich finde, dass die Form der sozialen Kontakte auch einigermaßen von der gesellschaftlichen Einstellung abgehängt ist. Da wir in der Schulzeit viel auf dem Campus verbringen und unser Freundkreis eng mit einem homogenen sozialen Kreis verbunden ist, pflegen wir gern die sozialen Kontakte in Form von Gruppenaktivitäten wie Essen, Karaoke oder Brettspiele spielen. Menschen bauen Beziehungen innerhalb engerer Freundeskreise auf und wir lernen gerne neue Leute durch Freunde kennen. Dabei achten wir auch auf die Gruppenatmosphäre. Wenn ich dieses Phänomen metaphorisch sagen würde, neigen wir dazu, unser soziales Umfeld wie einen Kreis schrittweise zu erweitern.
Im Vergleich dazu legen Deutsche mehr Wert auf Individualismus. In diesem Zusammenhang entstehen Freundschaften häufig durch gemeinsame Hobbys oder Aktivitäten wie z.B. Sportvereine, Reisen oder kulturelle Veranstaltungen. Für mich wirkt ihre soziale Verbindung eher wie eine lineare Kette. Sie sind ehr daran gewohnt, neue Menschen unabhängig von bestehenden sozialen Kreisen oder beruflichen Netzwerken kennenzulernen. In diesem Zusammenhang ist z.B. das Nachtleben auch ein Punkt, der unterschiedlichen Bedeutungen in unterschiedlichen Kulturkreisen hat.
Nachtleben: Laute Partys oder lauter Abendmarkt
In Deutschland ist das Nachtleben vielfältig. Es gibt viele verschiedene Partys zu jeder Zeit und zu allen möglichen Anlässen. Z.B. WG-Partys, Studi-Partys am Anfang oder am Ende des Semesters oder verschiedene Musik-Festivals in der Natur, auf denen man neue Leute kennen lernen kann. Dabei zeigt sich, dass die soziale Interaktion in Deutschland viel mit Musik, Alkohol und Spaß haben zusammen hängt. Bis jetzt kann ich mich immer noch nicht an diese Party-Kultur gewöhnen, weil für mich das Ansprechen oder Tanzen mit Fremden bis spät in die Nacht immer noch eine „unzugängliche“ Welt ist. Aber langsam gefällt mir die Trinkkultur. Manchmal gehe ich zur Trinkhalle oder Goldkante (meine zwei Lieblingsbars in Bochum), um Bier oder Wein zu genießen; September und Oktober ist z.B. die Zeit für Federweißer und es ist ein Ritual für mich, Glühwein in der Weihnachtszeit zu trinken.

Bei uns haben wir auch ein Nachtleben, aber eher in unterschiedlicher Form. Bei uns sind die Geschäfte spät am Abend noch auf. Insbesondere gehe ich ganz gerne mit Freunden oder Familien auf Nachtmärkte. Auf dem Nachtmarkt gibt es viele Stände, an den man Essen, Klamotten oder Lebensmittel günstig kaufen kann. Außerdem gibt es auch Stände, an den man sein Geschickt testen kann wie z.B. beim Dosen werden, Schießstände oder beim Ringe werfen. Der Nachtmarkt ist genauso voll und laut wie eine Party. Auf dem Nachmarkt spreche ich gerne Fremde an: Ich rede mit den Besitzern von Ständen, weil ich mit ihnen über die Preise verhandeln möchte.
Zwischen zwei Kulturen: Herausforderungen und Bereicherungen
Unsere Zeit in Deutschland hat uns viele neue Perspektiven eröffnet. Die kulturellen Unterschiede zwischen China und Deutschland zeigen sich in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens: vom Umweltschutz über die Arbeitswelt bis hin zur Ausbildung und zu sozialen Beziehungen. Doch durch diese kulturellen Unterschiede haben wir auch viele neue Erfahrungen gesammelt. Besonders wichtig finden wir, dass es kein „richtig“ oder „falsch“ gibt, sondern nur unterschiedliche Herangehensweisen. Wir sind gespannt, was wir in der verbleibenden Zeit in Deutschland noch erleben werden.
