Ein Abend mit Freunden – was unternehmen Studierende abends gemeinsam?

Von Yueran Zhang & H. L.

Bevor ich nach Deutschland kam, dachte ich oft, dass die Deutschen ernst seien. Aber nach ein paar Monaten hat sich meine Meinung geändert. Trotz ihrer Ernsthaftigkeit lieben es die Deutschen auch, sich mit Freunden zu unterhalten. Besonders an Wochenende treffen sie sich gerne, um gemeinsam Spaß zu haben und die Zeit zu genießen.

Ende November lud H. meine Freunde und mich zum Karaoke nach Düsseldorf ein. Einige ihrer deutschen Freunde waren auch dabei. Wir sangen, aßen und plauderten zusammen und hatten eine tolle Zeit zusammen an diesem Tag.

Der ausgefallene Zug

Wir verabredeten uns um 14 Uhr zum Karaoke. Meine beiden Mitbewohner und ich einigten uns darauf, um halb zwölf mit dem Zug zu fahren. Aber als wir am Bochum Hauptbahnhof ankamen, stellten wir fest, dass der Zug abgesagt wurde. Der nächste Zug nach Düsseldorf hatte leider eine halbe Stunde Verspätung, was bedeutete, dass wir zu spät kommen würden. Es war ganz kalt und wir zitterten auf dem Bahnsteig.

Die Situation erinnerte uns an frühere Erlebnisse und wie oft wir schon von solchen Verspätungen betroffen waren. Als wir im Oktober zum Flughafen Köln fuhren, hatte der Zug bereits eineinhalb Stunden Verspätung. Ursprünglich hätten wir nur eineinhalb Stunden gebraucht, um am Flughafen anzukommen. Wegen der Verspätung mussten wir jedoch eine dreistündige Fahrt in Kauf nehmen. Dies führte dazu, dass wir am Flughafen sehr gestresst waren. Wir mussten uns beeilen, die Sicherheitskontrolle zu durchlaufen, zum Gate zu eilen und ins Flugzeug zu steigen. Obwohl wir großen Hunger hatten, hatten wir keine Zeit zum Essen. Zum Glück hatte auch unser Flugzeug Verspätung, sodass wir es gerade noch rechtzeitig schafften.

Zugverspätungen sind in Deutschland an der „Tagesordnung“. Wir haben auch viel davon gehört, dass sich viele Deutsche über die Deutsche Bahn lustig machen. In unserer Deutschkurs-Gruppe teilen Studierende häufig Nachrichten mit, dass sie sich verspäten könnten, weil der Zug nicht pünktlich ist. Anfangs ärgerte ich mich sehr oft darüber, dass der Zug Verspätung hatte und dies meine Pläne durchkreuzte. Nach und nach begann ich mich jedoch daran zu gewöhnen. Jedes Mal, wenn ich jetzt rausgehe, stelle ich sicher, dass es mehr als einen Zug gibt, den ich nehmen kann. Da man die Situation nicht ändern kann, muss man besser vorbereitet sein.

Der Zug nach Düsseldorf kam endlich. Der ausgefallene Zug wirkt sich auf den gesamten Fahrplan aus und führte zu einer Überlastung unseres Zuges. Wir mussten die ganze Strecke bis nach Düsseldorf stehen, weil kein einziger Sitzplatz frei war. Die Menschen im Wagen standen nah nebeneinander. Ich hatte das Gefühl, dass mir die Puste ausgehen würde. Ich stand mitten im Wagen und konnte keine Handschlaufe greifen. Gleichzeitig hatte ich auch Angst, dass sich Taschendiebe in der Menge befinden könnten. Deshalb musste ich mich an den Armen meiner Mitbewohner festhalten, um nicht wegen des Beschleunigens oder abrupten Bremsens des Zuges zu stürzen.

Ein Citywalk in „Little Tokyo”

Als wir in Düsseldorf ankamen, war es fast ein Uhr nachmittags. Vor dem Karaoke entschieden meine Mitbewohner und ich, einen Spaziergang durch die sogenannte „japanische Straße“ zu machen.

Die Japanische Straße in Düsseldorf wird oft als „Little Tokyo” bezeichnet und das ist das Zentrum der japanischen Gemeinschaft in Deutschland. Sie befindet sich rund um die Immermannstraße, nahe dem Hauptbahnhof und bietet eine Vielzahl an japanischen Geschäften, Restaurants, Supermärkten und kulturellen Einrichtungen. Hier gibt es authentische Ramen-Restaurants, Izakayas, Sushi-Bars und traditionelle Bäckereien, die japanische Spezialitäten wie Mochi oder Melonpan anbieten. Auch japanische Buchhandlungen und Geschäfte für Mangas, Anime und Kosmetik sind hier zu finden.

Da es Wochenende war, war es hier überfüllt. Der Geruch von frisch zubereitetem Essen wehte aus den Restaurants bis hin auf die Straße. Dies war zweifellos für uns sehr verlockend, weil wir sehr hungrig waren. Wir kamen an einem Takoyaki-Restaurant vorbei. Als wir durch das Fenster hineinschauten, sah das Takoyaki auf dem Esstisch köstlich aus. Schade, dass die Schlange am Eingang des Restaurants viel zu lang war. Weiterhin fielen uns auch viele Bubble Tea Läden auf, deren Getränke werden wir auf jeden Fall beim nächsten Mal probieren.

Um pünktlich zum Karaoke zu kommen, mussten wir auf den Genuss von asiatischem Essen verzichten. Schließlich beschlossen wir, schnell bei McDonald’s etwas zu essen. Jedoch hatten wir Schwierigkeiten, den Laden zu finden. Manchmal funktioniert Google Maps nicht besonders gut, wenn man nach Orten in einem kleinen Gebiet sucht. Unter der Anleitung wanderten wir immer wieder um McDonald’s herum, aber wir konnten es nirgendwo sehen. Nach einer Viertelstunde Suche gaben wir auf. Dann beschlossen wir, unseren Spaziergang auf der japanischen Straße weiter zu machen. Ich glaube, dass alle Schwierigkeiten, die wir erlebt haben, nur dazu dienten, wie viel Freude wir danach beim Singen hatten.

Wir sangen leidenschaftlich

In China ist Karaoke sowohl für Erwachsene als auch für Jugendliche eine der beliebtesten Unterhaltungsaktivitäten. Als ich in China war, gingen meine Freunden und ich jedes Mal zum Karaoke und feierten zusammen, wenn ein Freund oder Mitbewohner Geburtstag hatte. Die schönste Sache war, wenn alle gemeinsam ein sehr enthusiastisches Lied sangen. Es spielte keine Rolle, ob jemand gut singen konnte oder nicht. Die Hauptsache ist Spaß zu haben.

Ich hatte mich auf dieses Treffen schon lange gefreut, weil ich seit meiner Ankunft in Deutschland noch nicht beim Karaoke war. Anfangs war ich etwas zurückhaltend, weil ich befürchtete, dass jeder nur seine eigenen Lieder singen möchte. Wenn man ein Lied singt und dieses Lied kennen die anderen nicht, entsteht oft eine unangenehme Situation. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass auch einige deutsche Freunde dort waren. Es hätte sein können, dass jeder einen unterschiedlichen Geschmack von Musik hat und ich wollte nicht, dass niemand mitsingen kann.

Aber wir hatten uns schnell in eine angenehme Atmosphäre eingelebt. Wir begannen mit ein paar bekannten englischen Liedern, die auf der ganzen Welt beliebt sind, wie zum Beispiel „Poker Face“ von Lady Gaga. So konnten alle gemeinsam singen und dadurch konnten wir schnell in die Stimmung eintauchen. Ein anderes Lied „APT“, das kürzlich sehr beliebt war, brachte unsere Partystimmung auf einen Höhepunkt. Ich mochte das Lied anfangs nicht besonders, weil es mir etwas laut war. Doch wegen seines mitreißenden Stils und der eingängigen Melodie eignete es sich perfekt für Karaoke. Alle sangen laut mit und einige tanzten sogar.

Als die Atmosphäre ihren Höhenpunkt erreicht hatte, begannen wir, unsere Lieblingslieder zu singen. Dabei hörten die deutschen Freunde einige unbekannte chinesische Lieder, während wir auch einige unbekannte deutsche Lieder hörten. Doch anstatt die Situation unangenehm zu machen, schuf dieser Moment eine tolle Gelegenheit zum interkulturellen Austausch. Es bot uns sogar die Gelegenheit, uns besser kennenzulernen. Selbst wenn jemand sang, langweilten sich die anderen nicht und wir genossen einfach die Musik. Diese harmonische und enthusiastische Atmosphäre war einfach wunderschön.

Musik ist ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Austauschs. Kulturaustausch verlangt von uns, sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede zwischen den Kulturen zu akzeptieren. Während Gemeinsamkeiten die kulturellen Barrieren schnell abbauen, ermöglichen uns Unterschiede, mehr voneinander zu erfahren. Genau das ist es, was Musik ausmacht.

Der runde Tisch bringt uns näher zusammen

Wir haben viel Spaß beim Karaoke gehabt und wir möchten dieses schöne Gefühl noch länger in uns tragen. Wir haben uns spontan entschieden, dass wir gemeinsam Abendessen gehen. Zum Glück gibt es in Düsseldorf eine große Auswahl an asiatischen Restaurants, sodass wir auch Plätze ohne Reservierung bekommen konnten. Wir haben ein chinesisches Restaurant namens „Tang-Wang“ besucht und nahmen an einem runden Tisch Platz. Dort wählten wir verschiedene Gerichte, z.B. gebratenes Gemüse, Rindfleisch mit scharfer Soße, Pfeffer-Salz-Garnelen und Tomaten-Eiersuppe. Ich freute mich besonders auf die Meeresfrüchte, die ich am meisten während meiner Zeit in Deutschland vermisst habe. Vor allem, wenn man mit Familie und Freunden Meeresfrüchte isst, fühlt es sich an, als würde man ein Festmahl mit Menschen gemeinsam genießen.

Auf dem Tisch gab es eine große drehbare Platte, auf der die Gerichte platziert wurden. So konnten wir die Gerichte einfach zu uns heran drehen und uns nach Belieben bedienen. Da wir alle so hungrig waren, sind die Teller schon nach der ersten Runde leer gewesen. Obwohl das Essen schnell aufgegessen war, waren die Gespräche umso lebendiger. Nach der Vorstellungsrunde entdeckten wir viele Gemeinsamkeiten: Fanshu und Sofia zeichnen gerne, Jingxuan und Jass lesen gern Mangas, Yueran und Lori zocken gern und wir alle singen gern Karaoke. So kamen wir langsam auf verschiedene Gesprächsthemen. Obwohl wir Zeit brauchten, um unsere Gedanken auf Deutsch zu formulieren und auszudrücken, war jeder sehr nett und verständnisvoll. Trotz der Sprachbarriere spürte man die Freude. Dieses Gefühl weiß ich sehr zu schätzen, denn diese besonderen Momente des interkulturellen Austauschs sind besonders schön. Auch ohne Worte gibt es immer etwas, das wir gemeinsam erleben und teilen können.

Sprachbarriere oder (kulturelle) Distanz

Als ich mich an diesem Abend mit den Deutschen unterhielt, kamen in mir viele besondere und komplexe Gefühle auf. Wir versuchten, Gemeinsamkeiten in unseren Unterschieden zu finden und dabei veränderte sich die Distanz zwischen uns. Sie war groß, wenn wir schwiegen und sie war klein, wenn wir redeten. Diese Veränderung der Distanz begegnet mir immer wieder, wenn ich neue Menschen kennenlerne, egal ob in Deutschland oder anderswo. Dieses Gefühl lässt sich besonders schwer in einer Fremdsprache ausdrücken. Je mehr Sorgen, Rücksichtnahmen oder Erwartungen in mir wuchsen, desto häufiger achtete ich auf die Teller von den anderen. Wenn der Teller leer war, drehte ich die Platte vor die Person, sodass die Person mehr Essen nehmen konnte. Manchmal aber bewegte sie ihre Stäbchen nicht mehr und sie nahm kein Essen. Vielleicht ist der Umgang mit der Distanz schwierig und nicht die deutsche Sprache selbst.

Nach dem Essen waren wir langsam müde, deswegen machten wir uns schnell auf den Weg zum Hauptbahnhof. Wir wollten einfach nur in die Bahn springen, jedoch leuchtete die vertraute Nachricht auf der Anzeige auf: technische Störung. Ich war nicht mehr so überrascht wie früher. Die regelmäßigen Verspätungen von der Deutschen Bahn haben das alte Bild von deutscher Ordnung aufgelöst. Probleme gehören hier eben auch zum Alltag. Aber ist das nicht auch bei zwischenmenschlichen Beziehungen so?

Am Ende verabschiedeten wir uns. Als wir Tschüss sagen, hob jeder die Arme und ich umarmte jeden automatisch. Das finde ich ein sehr schönes Zeichen, das ein gutes Ende des Tages zeigt und damit freue ich mich schon auf das nächste Treffen, bei dem wir was gemeinsam unternehmen können.

Ein schöner Abend mit Freunden

Dieser Ausflug war schon eine gute Erinnerung für mich. Es war schön, mit Freunden gemeinsam in Düsseldorf zu bummeln und die asiatische Stimmung in einer europäischen Stadt zu entdecken. Auch die Karaoke und das Abendessen mit alten und neuen Freunden waren lustig, weil Musik und Essen uns näher zusammengebracht haben. Obwohl es Zugverspätungen gab, konnten diese unsere Stimmung nicht trüben. Bevor ich ins Bett ging. habe ich noch mal die Fotos und Videos auf meinem Handy angeschaut. Die Tanzbewegungen von den anderen haben mich zum Lachen gebracht. Diese gespeicherte Erinnerung zählt zu einer der schönsten Erlebnisse in meinem Austauschsemester.